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Mittwoch, 11. Dezember 2024

Werther in der Schweiz · Zufriedenheit

Werther in der Schweiz · Zufriedenheit

Werther in der Schweiz · Zufriedenheit 

Man sagt mir wieder, dass die Menschen, die mich unterwegs gesehen haben, sehr wenig mit mir zufrieden sind. Ich will es gerne glauben, denn auch niemand von ihnen hat zu meiner Zufriedenheit beigetragen.

Was weiß ich, wie es zugeht! Dass die Gesellschaften mich drücken, dass die Höflichkeit mir unbequem ist, dass das, was sie mir sagen, mich nicht interessiert. Das, was sie mir zeigen, mir entweder gleichgültig ist, oder mich ganz anders aufregt.

Sehe ich eine gezeichnete, eine gemalte Landschaft, so entsteht eine Unruhe in mir, die unaussprechlich ist. Die Fußzehen in meinen Schuhen fangen an zu zucken, als ob sie den Boden ergreifen wollten, die Finger der Hände bewegen sich krampfhaft, ich beiße in die Lippen, und es mag schicklich oder unschicklich sein, ich suche der Gesellschaft zu entfliehen.

Ich werfe mich der herrlichen Natur gegenüber auf einen unbequemen Sitz, ich suche sie mit meinen Augen zu ergreifen, zu durchbohren, und kritzle in ihrer Gegenwart ein Blättchen voll, das nichts darstellt und doch mir so unendlich wert bleibt, weil es mich an einen glücklichen Augenblick erinnert, dessen Seligkeit mir diese stümperhafte Übung ertragen hat.

Was ist denn das, dieses sonderbare Streben von der Kunst zur Natur, von der Natur zur Kunst zurück? Deutet es auf einen Künstler, warum fehlt mir die Stetigkeit? Ruft es mich zum Genuss, warum kann ich ihn nicht ergreifen?

Man schickte uns neulich einen Korb mit Obst, ich war entzückt wie von einem himmlischen Anblick; dieser Reichtum, diese Fülle, diese Mannigfaltigkeit und Verwandtschaft! Ich konnte mich nicht überwinden eine Beere zu pflücken, einen Pfirsich, eine Feige aufzubrechen.

Gewiss dieser Genuss des Auges und des inneren Sinnes ist höher, des Menschen würdiger, er ist vielleicht der Zweck der Natur, wenn die hungrigen und durstigen Menschen glauben, für ihren Gaumen habe sich die Natur in Wundern erschöpft.

Ferdinand kam und fand mich in meinen Betrachtungen, er gab mir recht und sagte dann lächelnd mit einem tiefen Seufzer: Ja, wir sind nicht wert diese herrlichen Naturprodukte zu zerstören, wahrlich es wäre schade!

Erlaube mir, dass ich sie meiner Geliebten schicke. Wie gern sah ich den Korb wegtragen! Ja wir sollen das Schöne kennen, wir sollen es mit Entzücken betrachten und uns zu ihm, zu seiner Natur erheben suchen; und um das zu vermögen, sollen wir uns uneigennützig verhalten, wir sollen es uns nicht zueignen, wir sollen es lieber mitteilen, es denen aufopfern, die uns lieb und wert sind.

Donnerstag, 5. Dezember 2024

Werther in der Schweiz · Freiheit

 Werther in der Schweiz · Freiheit · Goethe

Werther in der Schweiz · Freiheit · Goethe
Werther in der Schweiz · Freiheit


Werther in der Schweiz · Freiheit · Johann Wolfgang von Goethe

Frei wären die Schweizer? Frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? Frei diese armen Teufel an ihren Klippen und Felsen?

Was man dem Menschen nicht alles weismachen kann! Besonders wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt.

Sie machten sich einmal von einem Tyrannen los und konnten sich in einem Augenblick frei denken. Nun erschuf ihnen die liebe Sonne aus dem Aas des Unterdrückers einen Schwarm von kleinen Tyrannen durch eine sonderbare Wiedergeburt.

Nun erzählen sie das alte Märchen immer fort, man hört bis zum Überdruss: sie hätten sich einmal frei gemacht und wären frei geblieben!

Nun aber sitzen sie hinter ihren Mauern, eingefangen von ihren Gewohnheiten und Gesetzen, ihren Fraubasereien und Philistereien. Und da draußen auf den Felsen ist es ja auch wohl der Mühe wert von Freiheit zu reden, wenn man das halbe Jahr von Schnee wie ein Murmeltier gefangen gehalten wird.

Der Mann der nie zu spät kam

 Der Mann der nie zu spät kam Der Mann der nie zu spät kam